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Eine Vision für Tempo + Takt in der Schweiz

  • 13. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Die Schweiz ist bekannt für vieles – für ihre Berge, Schokolade und vor allem: für ihre Züge. Sie fahren häufig, pünktlich und zuverlässig. Weil sie so gut funktionieren, gilt das Schweizer Bahnsystem als eines der erfolgreichsten der Welt. Die Schweizerinnen und Schweizer legen mehr Kilometer mit der Bahn zurück als jede andere Nation – Zugfahren gehört hier zum Alltag.


Doch im Gegensatz zu den Nachbarländer besitzt die Schweiz kein echtes Hochgeschwindigkeitsnetz. Mit einer durchschnittlichen Streckengeschwindigkeit von rund 95 Kilometern pro Stunde liegen Schweizer Züge im europäischen Mittelfeld – schneller als in den Niederlanden, aber deutlich langsamer als in Frankreich, Deutschland oder Spanien. Damit bildet die Schweiz eine markante Lücke im Zentrum des europäischen Hochgeschwindigkeitsnetzes.


Image: Wikipedia
Image: Wikipedia

Verlässlichkeit statt Rekordtempo


Dass Schweizer Züge langsamer sind als anderswo, ist kein Zufall. Als Frankreich in den 1980er-Jahren Europas erste moderne Hochgeschwindigkeitsstrecke eröffnete, entschieden sich die Schweizer für einen anderen Weg. Die Bahnpolitik setzte auf Zuverlässigkeit, Takt und Dichte statt auf reine Geschwindigkeit. Hier ein Beispiel des Taktsystems zwischen Zürich und Basel, was sich die wiederholenden Muster zeigt.



Bereits in den 1970er-Jahren führte die SBB das sogenannte Taktfahrplansystem ein – ein Konzept, bei dem Züge in regelmässigen, sich wiederholenden Intervallen fahren. Dieses Prinzip, heute selbstverständlich, machte das dicht verzweigte Schweizer Schienennetz zu einem der effizientesten der Welt: hochgradig synchronisiert, planbar und zuverlässig.

Auch in der Schweiz gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren Pläne für Hochgeschwindigkeitsstrecken. Doch sie wurden verworfen – zu teuer, zu aufwendig und vor allem unnötig für ein System, das auf minutiöser Taktung basiert.


Wenn ein Schienennetz auf exakt getakteten und synchronisierten Fahrten basiert, kann eine Beschleunigung dieser Fahrten das System durcheinanderbringen. Zum Beispiel legen Direktzüge die 100 Kilometer zwischen Basel und Zürich in 53 oder 54 Minuten zurück, alle dreißig Minuten (siehe Muster 1 und 2 oben). Dadurch treffen sie jeweils zur vollen oder halben Stunde an ihrem Ziel ein und warten etwa fünf bis zehn Minuten, um sich mit anderen Zügen zu synchronisieren.

Denn wer an der Uhr plant, darf das Gleichgewicht nicht stören: Wenn ein Zug zwischen Basel und Zürich beispielsweise zehn Minuten schneller wäre, käme er zu früh an, müsste aber auf Anschlüsse warten – und der Zeitgewinn wäre dahin. Im Taktverkehr kann mehr Tempo also paradox wirken: Es stört die Harmonie des Systems.



Schnell, aber im Rhythmus: gezielte Beschleunigungen


Um den Taktfahrplan dennoch zu optimieren, hat die Schweiz strategisch beschleunigt – dort, wo es dem Gesamtsystem dient. Eine 200-km/h-Strecke zwischen Bern und Olten verkürzte die Fahrtzeiten von Basel oder Zürich nach Bern auf unter eine Stunde. Neue Basistunnel durch die Alpen mit bis zu 250 km/h ermöglichten Fahrten vom Mittelland nach Italien in rund dreieinhalb Stunden. So entstand ein Netz mit einzelnen schnellen Abschnitten, aber ohne flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz. Das Resultat: Schweizer Präzision statt französischem Tempo.




Warum Hochgeschwindigkeit trotzdem Sinn ergibt


Seit Jahrzehnten investiert die SBB vor allem in die Optimierung des bestehenden Netzes – in mehr Kapazität an Bahnhöfen, digitale Steuerung und zusätzliche Überholgleise. Diese Konzentration auf die Grundlagen ist vernünftig und sichert die hohe Qualität des Systems.

Doch die Frage bleibt: Was wäre, wenn die Schweiz beides hätte – Takt und Tempo?

Ein modernes Hochgeschwindigkeitsnetz könnte das Land noch besser verbinden, Bahnreisen gegenüber dem Auto und Flugzeug konkurrenzfähiger machen und die wirtschaftliche sowie soziale Integration im In- und Ausland stärken. Richtig geplant, liesse sich ein solches Netz sogar in den Taktfahrplan integrieren – und das bestehende Netz entlasten.


Im Folgenden habe eine Vorstellung für ein realistisches sowie praktisches Hochgeschwindigkeitssystem skizziert.


Eine Vision für die Zukunft: Hochgeschwindigkeit auf Schweizer Art


Phase 1: Ausbau des laufenden Projekts Léman 2030. Zwischen Genf und Lausanne entstehen neue Gleise und Bahnhöfe, die Personen- und Güterverkehr trennen. Mit gezielten Anpassungen ließe sich die Fahrzeit auf dieser Strecke von 45 auf rund 30 Minuten senken.



Phase 2: Eine neue 250-km/h-Strecke zwischen Lausanne und Bern. Sie würde die Reisezeit von 70 auf 35 Minuten halbieren und die französisch- und deutschsprachigen Landesteile enger miteinander verbinden. Eine Fahrt von Genf nach Bern wäre in etwas über einer Stunde möglich – heute dauert sie fast doppelt so lange.



Phase 3: Ausbau der Deutschschweiz mit drei neuen Linien:

  • Ein 250-km/h-Tunnel durch den Jura (Basel–Olten: 30 → 20 Minuten)

  • Eine Schnellstrecke Olten–Zürich (35 → 25 Minuten)

  • Eine Verbindung Winterthur–St. Gallen (Zürich–St. Gallen unter 1 Stunde; Zürich–München unter 2,5 Stunden)


Das Ergebnis wäre ein radikal beschleunigtes Binnenverkehrsnetz. Sämtliche großen Städte der Schweiz wären in weniger als drei Stunden miteinander verbunden. Gleichzeitig bliebe der 30-Minuten-Takt zwischen den wichtigsten Knotenpunkten erhalten – die Grundlage des Schweizer Bahnwesens. Zudem würde ein Hochgeschwindigkeitsnetz Kapazitäten für Regional- und S-Bahn-Verkehre freimachen – ein wichtiger Punkt angesichts der wachsenden Bevölkerung.



Ein Gewinn auch für Europa


Ein Schweizer Hochgeschwindigkeitsnetz wäre nicht nur ein nationales, sondern auch ein europäisches Projekt. Fahrten wie München–Lyon könnten auf unter sieben Stunden verkürzt werden, die Verbindung Frankfurt–Lausanne auf etwa viereinhalb. Auch Reisen in den Süden Frankreichs, nach Österreich oder gar nach Spanien würden einfacher.

Sollten die Nachbarländer eines Tages Hochgeschwindigkeitsstrecken direkt in die Schweiz führen, könnten zahlreiche internationale Bahnverbindungen endlich mit dem Flugverkehr konkurrieren.



Auf dem Weg in eine schnellere Zukunft


Natürlich wäre der Bau eines solchen Netzes kostspielig und jahrzehntelange Arbeit. Und er passt derzeit nicht zur offiziellen Prioritätensetzung, die auf Verlässlichkeit und Taktfrequenz setzt.


Doch das ändert nichts an der grundlegenden Wahrheit: Ein Hochgeschwindigkeitsnetz wäre ein Gewinn für die Schweiz – ökologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Das Land wächst, es kann sich Investitionen in große Infrastrukturprojekte leisten – besonders, wenn sie vielen zugutekommen.


Diese Vision ist kein Bauplan, sondern ein Denkanstoss. Vielleicht gelingt es eines Tages, sie teilweise oder ganz zu verwirklichen – und so die Schweiz in eine Zukunft zu führen, die noch nachhaltiger, vernetzter und lebenswerter ist.



 
 
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